Über Fortuna Brötchen

Fortuna Brötchen ist das künstlerische Langzeitprojekt von Patrick Jelen, Fotograf und Kulturakteur aus Düsseldorf. Von 2010 bis 2024 begleitete er über 14 Jahre hinweg die Fankultur von Fortuna Düsseldorf – nicht auf dem Rasen, sondern dort, wo Fußball wirklich gelebt wird: am Bahnsteig, im Block, auf der Straße, in der Kneipe.

Das Projekt war von Anfang an als offenes Archiv gedacht: fotografisch, dokumentarisch, multimedial. Entstanden ist eine vielschichtige Chronik der Düsseldorfer Fußballkultur – mit Büchern, Ausstellungen, Online-Formaten, Aktionen und Musik.

Fokus der Arbeit

Im Zentrum von Fortuna Brötchen stand nie das Ergebnis auf der Anzeigetafel, sondern die Menschen in Bewegung.

  • Auswärtsfahrer:innen, die im Morgengrauen mit der Bahn aufbrechen.
  • Kurvenkollektive, die singen, feiern, protestieren.
  • Gesten des Zusammenhalts, die abseits der Kameras stattfinden.
  • Zwischenräume – das Warten am Zaun, die Spannung vor dem Abpfiff, die Gespräche in der Kneipe.

Jelen entwickelte einen fotografischen Stil, der sich von der offiziellen Stadionästhetik löst: ungeschönt, dicht, nah dran, beobachtend. Fußball erscheint hier als soziale Praxis – eine Kultur des Miteinanders, der Identität, der Erinnerung.

Die Fotobücher

Ein zentrales Element von Fortuna Brötchen waren die Fotobücher, die immer wieder Auszüge des Projekts bündelten:

  • „Auswärts 2014/15“ (Buch + Ausstellung im Kulturverein damenundherren, Düsseldorf 2015)
    → Bilder einer kompletten Auswärtssaison, ergänzt durch Texte und Beobachtungen.
  • „Auswärts 2017/2018“
    → finanziert durch eine Crowdfunding-Kampagne, die auf breite Unterstützung in der Fanszene stieß.
    → Im Nachwort formulierte Jelen programmatisch: „Das ist es, was die moderne Soccer-Industrie am meisten fürchtet: echte, wahre, ungesteuerte Emotion.“

Diese Bücher wurden schnell zu Sammlerstücken – nicht nur für Fans, sondern auch für alle, die sich für dokumentarische Fotografie und Stadtsoziologie interessieren.

Virtuelle & Reale Ausstellungen

Fortuna Brötchen suchte immer wieder neue Wege, die Arbeiten öffentlich zugänglich zu machen:

  • 2015 – „Auswärts 2014/15“
    Ausstellung im Kulturverein damenundherren, Düsseldorf. Präsentation der Fotografien im künstlerischen Umfeld.
  • 2021 – „Nur um dich zu sehen – 125 Jahre Fortuna Düsseldorf“
    → ursprünglich geplant als Rathaus-Ausstellung zum Vereinsjubiläum.
    → pandemiebedingt ins Digitale verlegt.
    → umgesetzt als virtueller 360°-Rundgang mit 43 Fotografien.
    → begleitet von starker Medienresonanz (u. a. 11FREUNDETHE DORFDüsseldorfer Anzeiger).
  • 2024 – „Paul-Janes-Stadion in Bildern“
    Ausstellung in der evangelischen Kirchengemeinde Düsseldorf-Gerresheim.
    → widmete sich der Geschichte und Atmosphäre des traditionsreichen Stadions.
    → zeigte: Fußballarchitektur ist Erinnerungsraum und kulturelles Gedächtnis.

Digitale Formate

Besonders innovativ war die Arbeit mit 360°-Touren:

  • Fans konnten virtuell durch das Paul-Janes-Stadion oder sogar durch das ehemalige Rheinstadion streifen.
  • Diese Rundgänge verbanden Dokumentation mit Interaktivität – eine neue Form der Fan-Erinnerungskultur.

Partizipative Projekte

Ein Herzstück von Fortuna Brötchen waren die Aktionen mit Fans:

  • Sektion Eierlikörchen
    → eine generationenübergreifende Kooperation mit einer Seniorinnengruppe.
    → es wurden Fanartikel gestrickt, die später zugunsten sozialer Projekte versteigert wurden.
    → Ergebnis: Humor, Handwerk, Teilhabe – ein poetischer Beitrag zur Fan- und Erinnerungskultur.
  • 120 Jahre / 125 Jahre Fortuna
    → Posteraktionen und Mitmachprojekte, die Fans aktiv einbanden.
Die Eierlikörchen

Musik: Karacho Fortuna

Mit Karacho Fortuna erweiterte Jelen das Projekt in den akustischen Raum:

  • Musik als Fanzine – zwischen Punk, Stadionlied, Soundcollage.
  • 2022„Mer sind alles Düsseldorfer Jonges“ (feat. Amy & JayJay), gefördert durch das NRW-Programm Heimat-Scheck.
  • Jelen spielte die meisten Instrumente selbst (Gitarre, Bass, Schlagzeug).
  • Das Musikvideo wurde u. a. im legendären AK47 in Düsseldorf gedreht.
  • 2024Karacho-Theme zur Fußball-EM in Düsseldorf, uraufgeführt im offiziellen Bühnenprogramm der Stadt.

Gesellschaftliches Engagement

Fortuna Brötchen war immer auch politisch:

  • Beteiligung an der Kampagne #BoycottQatar2022.
  • Protestaktionen vor der FIFA-Zentrale in Zürich, gemeinsam mit dem Künstler Volker-Johannes Trieb.
  • Zusammenarbeit mit NGOs wie Amnesty International, ProFans und !NieWieder.
  • Plakatkampagne „Kein Katar in meiner Kneipe“ – gegen Public Viewing von WM-Spielen in Katar.
  • Veröffentlichung eines kritischen Positionspapiers in Kooperation mit Fortuna Düsseldorf.

Damit zeigte das Projekt, dass Fotografie und Fankultur gesellschaftliche Haltung sichtbar machen können.

Aufkleber von Fortuna Brötchen

Abschluss & Perspektive

Im Jahr 2024 wurde Fortuna Brötchen nach 14 Jahren bewusst beendet. Jelen sieht Kultur als zyklisch: Projekte brauchen ein Ende, um Platz für Neues zu schaffen.
Die Website bleibt als öffentliches Archiv bestehen, neue Inhalte werden nicht mehr ergänzt.

Patrick Jelen arbeitet inzwischen an neuen fotografischen und musikalischen Projekten, bleibt aber seinem Ansatz treu: die Sichtbarmachung gesellschaftlicher Räume jenseits offizieller Erzählungen.

Leitidee

Fortuna Brötchen war ein Projekt über Fußball als Kultur – nicht als Sportergebnis. Es ging um Gemeinschaft, Identität, Protest und Erinnerung.
Über 14 Jahre entstand ein Werk, das für Fans wie für Kulturinteressierte gleichermaßen ein Dokument der Zeitgeschichte darstellt.

Claim: Ein Stück lebendiger Fankultur für die Ewigkeit.

DIY-Gedanke und Unabhängigkeit

Ein zentrales Prinzip von Fortuna Brötchen war von Anfang an der Do-it-yourself-Gedanke. Patrick Jelen verstand das Projekt nicht nur als künstlerische Arbeit, sondern auch als Ausdruck von Unabhängigkeit und Eigeninitiative.

  • Selbstproduktion der Bücher: Layout, Bildauswahl und Vertrieb wurden unabhängig von großen Verlagen realisiert – oft über Crowdfunding-Kampagnen, die von Fans und Unterstützer:innen getragen wurden.
  • Ausstellungen im Eigenbau: Statt auf etablierte Galerien zu setzen, entstanden Shows in Off-Spaces, Kulturvereinen oder sogar digital in selbst programmierten 360°-Rundgängen.
  • Fanbeteiligung: Mit Projekten wie der Sektion Eierlikörchen wurde der DIY-Spirit wörtlich genommen – Handarbeit, Stricknadeln, Gemeinschaftsaktionen.
  • Musik als Eigenproduktion: Auch das Projekt Karacho Fortuna folgte diesem Ansatz – Songs wurden von Jelen selbst komponiert, eingespielt und veröffentlicht, teilweise mit minimalen Mitteln, aber maximaler Authentizität.
  • Unabhängige HaltungFortuna Brötchen war nie offizieller Teil des Vereins oder einer Institution. Diese Selbstständigkeit garantierte künstlerische Freiheit und eine kritische Perspektive auf Kommerzialisierung und moderne Fußballindustrie.

Der DIY-Gedanke war damit nicht nur ein praktisches Mittel, sondern ein politisches Statement: Kultur entsteht aus der Gemeinschaft heraus – mit eigenen Mitteln, in eigener Sprache, mit eigenen Bildern.

Website (Archiv): www.fortuna-broetchen.de
Instagram: @fortunabroetchen